U-TOPOS - DIE REALITÄT DES FIKTIVEN / Arno Böhler

Raum wird der Raum erst in Verbindung mit Dingen. Die Stelle im Raum, an der sich ein Ding befindet, ist ein Ort.

Es gibt also Orte

Das Erstaunen über diesen schlichten Sachverhalt durchzieht wie ein Mantra die Raumarbeiten von Kay Walkowiak. Bildende Kunst, das heißt: Erschaffung von Orten – die Arbeit an einer Synthese von Raum und Ding, in der vor allem die Asymmetrie zwischen der Endlichkeit der Dinge und der Unendlichkeit des Raumes selbst zur Schau gestellt wird.

Entscheidend sind für Kay Walkowiak dabei die Leerstellen, die sich durch die konkrete Anordnung endlicher Dinge im Raum bilden: Orte, an denen sich nichts befindet. Konkrete Frei-Räume, die von keinem Ding materiell besetzt werden und der Kraft der Imagination damit eine Lichtung verschaffen, indem sie den unbesetzten Platz mit abwesenden Dingen auffüllt. Mit Dingen, die im Raum selbst nicht gezeigt, sondern nur imaginär angezeigt werden.

Die Raumarbeiten von Kay Walkowiak sind daher in einem ganz wörtlich zu nehmenden Sinne rätselhaft. Sie verweisen – sowohl in einem zeitlichen, räumlichen als auch dinglichen Sinne – auf Abwesendes: auf fehlende Dinge, vergangene Geschichten oder kommende Ereignisse, die sich aus dem Verweisungsgeflecht der Dinge im Raum ergeben, ohne in ihm selbst materiell präsent zu sein.

Es gibt also Orte, denen etwas fehlt

Leerstellen, die einen konkreten Ort der Abwesenheit offen halten, der sich uns diskret erschließt, indem wir der realen Anordnung der Dinge im Raum imaginär folgen. Solche imaginierten Orte sind daher da, ohne da zu sein. Sie werden gezeigt, ohne wirklich gezeigt zu werden. Sie sind anwesend, ohne real anwesend zu sein. Sie sind umgekehrt aber auch abwesend, ohne wirklich abwesend zu sein. Unsichtbar, und doch imaginär herbeizitiert, weg, und doch da. Mit ihnen betreten wir offenkundig ein rätselhaftes Areal a-realer Dinge. Und damit genau jene Dimension, die Kay Walkowiak in seinen Ausstellungen auszustellen trachtet.

Fast programmatisch wird uns der borromäische Knoten dieser innigen Verschränkung von Leerheit, Dinglichkeit und Imagination in dem Werk Mise en scéne vor Augen geführt.
     In dieser Arbeit aus dem Jahr 2009 betritt man einen Ausstellungsraum, in dem sich vier Metallständer befinden, die in den Farben gelb, hellblau, orange und schwarz lackiert sind. Die Ständer stehen frei im Raum und bilden nach oben hin einen Halbkreis, an dessen Enden jeweils eine Damenperücke hängt. Da die Perücken nur am obersten Scheitelpunkt an den Ständern befestigt sind, hängen sie sonst frei schwebend in der Luft. Der leere Raum ist damit in der Tat zum körperlosen Körper der Perücken geworden. Er markiert die konkrete Leerstelle im Raum, an der sich nichts befindet und die sich gerade darum vortrefflich dafür eignet, mit einer ganzen Menge abwesenden Körper imaginär besetzt zu werden, die uns durch die Anordnung der Dinge im Raum quasi ad hoc in Erinnerung gerufen werden: Körper aus Fleisch und Blut, die solche Damenperücken für gewöhnlich tragen, die sie mit ihren Geständnissen des Fleisches libidinös besetzen, die aus ihnen symbolisch und/oder ökonomisch Kapital lukrieren u.v.m.
     Unweigerlich wird diese Leerstelle im Raum, die tatsächlich den (körperlosen) Körper der Perücken bildet, von den Besucher/innen mit einem Netzwerk von Phantasmen assoziiert worden sein, das die reale Lücke im Raum imaginär schließen wird. Indem wir der Anordnung der Dinge im Ausstellungsraum folgen, werden wir in der Tat in eine Welt ent-rückt, die sich nur aus dem symbolischen Bedeutungszusammenhang der ausgestellten Exponate heraus fiktiv erschließen lässt. Die Welt, die im Ausstellungsraum ausgestellt wird, ist daher weder da, noch einfach weg. Sie wird durch die reale Anordnung der Dinge im Raum vielmehr imaginär hergestellt. Wir gehören ihrer fiktiven Ordnung selbst an, solange wir der Logik der Abwesenheit folgen, welche die Ausstellung suggeriert.
     Es scheint, als würde in Mise en scéne nichts anderes als die rätselhafte Heimsuchung des Realen durch das Fiktive ausgestellt. Das In-Kraft- und In-Szene-Setzen von Abwesenheiten, die von der realen Anordnung der Dinge in Gang gebracht wird, insofern sie uns gerade einen Blick auf das werfen lässt, was sich in einer Ausstellungsszene im Off befindet: Die Realität des Fiktiven – der theatReale Raum des Imaginären, an dem sich in der Tat nichts befindet.

Es gibt also Orte, die der Abwesenheit Raum geben 

Orte, die zwischen An- und Abwesenheit oszillieren und den Raum in einem Raum damit libidinös aufklaffen lassen.

Von einer solchen begehrlichen Lücke erzählt die Ausstellung Ich Ich aus dem Jahre 2008. Der borromäische Knoten aus Leerheit, Dingen und imaginären Lücken entzündet sich in dieser Arbeit an der Leerstelle einer Dinganordnung, die der Selbstinszenierung des Ichs einen Ort gewährt. Das Ich der Besucher/in stößt in der Ausstellung auf ein Metallgestänge, das in einem zarten Hellblau lackiert ist. Das Gestell suggeriert etwas wie eine Karaoke-Bühne: Am vordersten Stab des Gestänges befindet sich ein Mikrophon. Seitlich davon zwei Stäbe mit fleischfarbenen Griffen. Der senkrechte Ständer, der mit dem Mikrophon, verläuft über einen Knick unten waagrecht weiter nach hinten. Auf ihm ist eine Vorrichtung mit einem Spiegel montiert, auf dem zwei Penis-Attrappen angebracht sind, die ebenfalls in Fleischfarbe aufrecht über der Spiegelfläche thronen. Das perfekte Gestell für eine maskuline Ich-Inszenierung scheint gegeben. Es fehlt nur noch der Körper, der sich des bereitstehenden Gestells bedient, indem er von ihm ad personam leibhaftig Gebrauch macht.

Aber auch in diesem Fall wird nur der Platz gezeigt, der vom Ich besetzt werden kann, um sich selbst zu inszenieren. Die Bühne für eine solche maskuline Selbstinszenierung bleibt auch diesmal leer. An der Stelle, an der das Ich auftreten könnte, befindet sich neuerlich nichts. Allerdings ein entzündliches „n-ichts“, da die leer stehende Bühne dem Ich ständig zu soufflieren scheint, sich ein Ich auf der Bühne vorzustellen – oder gar selbst auf die Bühne zu begeben –, mit der damit verbundenen Gefahr, an Stelle des „n-ichts“, die Blöße des eigenen Ichs auszustellen: „Ich – Ich.“

Das Exponat Philodendron, eine Arbeit, die ebenfalls in das Jahr 2008 fällt, belichtet die Position des Ichs hingegen aus der Perspektive seiner Verschränkung mit Gegenständen. Die Leerstelle, die uns diese Ausstellung vor Augen führt, wird durch einen leer stehenden Stuhl markiert, der über ein Metallgestänge mit einem Philodendronbusch verbunden ist. Der Stuhl gewährt dem Betrachter einen freien Ausblick auf die Pflanze. Er lädt uns ein, Platz zu nehmen und uns in den Anblick der Pflanze zu verlieren. Die Rahmung des Metallgestänges, das den Platz des Betrachters mit dem betrachteten Gegenstand physisch verschränkt, lässt vermuten, dass es sich bei diesem Exponat um eine meditative Denkvorrichtung handelt [„Philo-dendron“], in der uns eine doppelte Verschränkung des Ichs mit der Welt zur Schau gestellt wird: Einerseits die physische Verbindung des Beobachters mit dem beobachteten Gegenstand, die materiell gesehen Bestandteile ein und desselben Metallgestells sind, andererseits die mentale Betrachtung des Gegen-stands, wie er uns im Zuge seiner Anschauung erscheint, wenn wir uns auf dem Stuhl niederlassen, um ihn von daher gegen-ständlich zu betrachten. – Was seinerseits wiederum nur möglich ist, wenn sich das Ich an den Ort jener Leerstelle begibt, welche die Ausstellung exponiert, indem sie uns einlädt, den leeren Stuhl zu besetzen. Im betrachtenden Zurücktreten vor dem Philo-dendron, im Realisieren der materiellen Verschränkung des Subjekts mit dem Objekt der Betrachtung, im Gewahren der Innigkeit von beiden nimmt das Subjekt daher jenen Platz ein, den es im Grunde immer schon innehatte: Ort der ichhaften Markierung einer Leerstelle zu sein.

Die Arbeiten von Kay Walkowiak lassen nicht unberührt, weil sie das unberührbare Rätsel von Leerstellen berühren. Sie exponieren das, was Dinge an sich auszeichnet: Ort der Verkörperung einer Leerstelle zu sein.

Es gibt also Dinge an sich... 

...weil es Orte gibt, die den Raum verkörpern, den alle Dinge unweigerlich an sich haben.

 

(Katalog, Kay Walkowiak. Skulptur / Photographie / Installation. Arbeiten 2011-2006.- Wien, 2011)

 


U-TOPOS - THE REALITY OF THE FICTITIOUS / Arno Böhler

Space becomes space only in connection with objects. However, that place in a space where an object is placed is a place.

So places do exist

Like a mantra, astonishment about this simple fact is found everywhere in Kay Walkowiak´s works. Visual arts, that is: the creation of places – working on a synthesis of space and object, in the context of which most of all the asymmetry between the finite nature of objects and the infiniteness of space itself is presented. 

In this context, what is crucial for Kay Walkowiak are those empty places as resulting from concretely arranging finite objects in the space: places where there is nothing. Actual free spaces which are not materially occupied by any object and thus create an open place for the power of imagination which it may occupy by filling the unoccupied place with absent objects. With objects which are not presented in that space itself but are so to speak imaginarily indicated by the way in which the objects within the space are arranged.

That is why Kay Walkowiak´s space works must quite literally be called enigmatic. They create empty places in the space, refering to something absent both in a chronological but also in a material sense: lacking objects, stories of the past or future events, indicated by the wickerwork of references created by the objects within the space, without these objects being themselves materially present.

So there exist places lacking something

Empty spaces keeping open a concrete place of absence which will be opened up for us if we pursue the actual arrangement of objects within the space by help of imagination. Such places exist without existing. They are presented without being actually presented. They are present without being present. But at the same time they are absent without being actually absent. By help of them we enter an enigmatic area of a-real objects. And thus precisely those dimensions Kay Walkowiak attempts to present at his exhibitions.

Almost programmatically the work Mise en scéne makes us aware of the Borromean ring of this intimate cross-over of emptiness, materiality and imagination.
     With this work from 2009 we enter an exhibition room where there are four metal stands painted in yellow, light blue, orange and black. These stands stand in open space, and in the upper direction they form a semi-circle with one  ladies wig at each of its ends. As these wigs are fixed to the stands only at their highest points, otherwise they are suspended in the air. Thus the empty space has indeed become the bodiless body of the wigs. It marks the actually empty space within the space, where there is nothing, and which precisely for this reason is perfectly suitable for imaginarily being occupied with quite a number of absent objects of which we are reminded ad hoc by the way things are arranged in the space: bodies of flesh and blood who usually wear such ladies wigs, libidinously occupying them by the confessions of their flesh, using them for the symbolic and/or economic acquisition of capital and much more.
     Inevitably visitors will associate that empty space created by the bodiless body of wigs with a network of phantastic ideas trying to imaginarily closing the actual gap in the space. Consequently, by following the arrangement of objects in the space, we will be moved precisely to a world which can only be concluded ficticiously from the symbolic interpretation context of the exhibited objects. Thus that world which is exhibited in the exhibition room is neither existing nor simply gone. It is imaginarily created by the way the objects are arranged in the space. We are part of it as long as we follow the logic of absence suggested by the exhibition.
     It seems as if by Mise en scéne nothing else is presented but the real being enigmatically haunted by the fictitious. Making absent objects valid and staging them, triggered off by the actual way in which the objects are arranged in the space, in so far as it allows just a glance at that what is in the off of an exhibition scene: the reality of the fictitious – the theatrical/real space of the imaginary where there is indeed nothing.

So there are places providing leeway for absence

Places oscillating between presence and absence and this way making a space within a space gape libidinously.

The exhibition Ich Ich from 2008 tells about such a covetous gap. With this work, the Borromean ring of emptyness, objects and imaginary gaps is sparked off by the empty space of an arrangement of objects providing a place for the self-staging of the I. At this exhibition the visitor´s I encounters metal bars painted in a delicate light blue. These bars suggest something like a Karaoke stage: at the foremost bar there is a microphone. To the sides  there are two bars with flesh-coloured handles. The vertical stand with the microphone bends downwards and runs horizontally to the back. It has a device with a mirror, with two fake penises, also flesh-coloured, rising above the surface of the mirror. This seems to provide the perfect frame for a masculine staging of the I. The only thing missing is the body actually, ad personam, using the ready metal bars. However, also in this case all that is shown is the place which might be occupied by the I for its self-staging. The place for such a self-staging of the I stays unoccupied. Once more, at the place which is provided for the I´s appearance there is nothing. The stage for the I stays empty. It marks the concrete empty space the projection surface of which this exhibition is about. In this case, the empty space has become an inflammable refuge where the I relinquishes itself and thus is in the danger of presenting its own bareness: Ich – Ich (I – I).

On the other hand the exhibit Philodendron, another work from 2008, sheds light on the position of the I from the point of view of its being crossed-over with objects. The empty space presented to us by this exhibition is marked by a chair which by way of metal bars is linked to a philodendron bush. From this chair the viewer has a good view of the plant. It invites us to sit down and get lost while looking at the plant. The frame of the metal bars, which physically crosses over the viewer´s place with the observed object, makes us suggest that this exhibit is a device for meditative contemplation – a `philo-dendron´- meant for pointing out that the observer is physically crossed-over with that what he/she is watching, by the imagined observer sitting on the chair taking notice of it not only physically but also intentionally  whule  persistently watching the object. This way the watching I becomes a thinking empty space where the crossing over of the I with the world is mirrored within itself. By sitting down and stepping back from the philodendron while watching, by realizing the subject being materially crossed over with the object under consideration, by becoming aware of the intimate nature of both, the subject itself occupies that place in the world which basically it has always been occupying: being the place of marking an empty space in an I-like manner.

Kay Walkowiak´s works do not leave us untouched because they touch the untouchable enigma of empty spaces. They present that what makes objects as such: being the place of embodying an empty space.

So there are objects as such ...

 ... because there are places embodying that space represented by all objects.

 

(Catalog, Kay Walkowiak. Sculpture / Photography / Installation. Works 2011-2006.- Vienna, 2011)