GESTICULAR APPROACHES / Kay Walkowiak

    In seinem Text zur chôra von 1987 hat Jaques Derrida darauf hingewiesen, dass chôra bisher immer als Vor-Bild des ausgedehnten Raumes und der rein rezeptiven Sinnlichkeit oder als Substrat und materieller Grundlage realer Gegenstände ausgelegt wurde. Doch damit gehe ihm nach ihre Stellung als ein „drittes Geschlecht“ zwischen dem Sinnlichen und dem Intellegiblen verloren: „Denn chôra – die alles empfängt, aber von nichts etwas annimmt – gibt allem seinen Ort, ohne sich selbst je auf einen Ort festlegen zu lassen.“[i]
    In dieser „Uneigenschaft“ verzeichnet chôra nach Derrida einen abseits gelegenen Platz, einen Zwischenraum, der eine dissymetrische Beziehung zu allem wahrt, was in ihr, ihr zur Seite oder ihr entgegen ein Paar mit ihr zu bilden scheint. Als „außerpaarliches Paar“ könne chôra nun nicht einmal mehr als Ursprung angesehen werden: Vor-ursprünglich sei sie im Hinblick auf das, was sich in ihr niederlässt, um in ihr aufgenommen zu werden, mehr dem Intervall oder dem Zwischenraum ähnlich.[ii]
    So wie chôra, gibt auch die Leere der „Leerstelle“ für einen menschlichen Körper in vielen meiner Arbeiten allem seinen Ort, ohne sich selbst auf einen Ort festlegen zu lassen. Lediglich die, auf eine Leerstelle verweisende materielle Struktur verzeichnet die Stelle eines ver-ortbaren Randes einer Öffnung. Die Leerstelle selbst bleibt ein unmöglicher Ort, der zwar stets versucht wird besetzt zu werden, jedoch nie besetzt werden kann: Unabschließbar bleibt der Prozess des Aufnehmens; unabschließbar bleibt der Prozess des Sich-Entziehens.
    Im Oszillieren zwischen Absenz und Präsenz, zwischen Leere und Imagination, manifestiert sich durch die auf einen Körper oder dessen Handlungen verweisenden Dinge und Formen ein Riss im Gefüge der nun ein unabschließbares Spiel des Hervorbringens und Vergehens zwischen Objekt und Betrachter in Gang setzt: Als Ort gleichzeitig impliziter An- und expliziter Abwesenheit absorbiert die lesbare Leerstelle den Betrachter unmittelbar im Zuge der Rezeption aufgrund ihres Gebrauchsbezuges[iii]; sie tangiert seinen Körper und stellt so den Bezug einer unmittelbaren Nähe zwischen ihm und dem Objekt her.
    Zusätzlich wird im Vollzug der Rezeption durch die räumlich er-öffnende Struktur der Leerstelle (für den menschlichen Körper) auch immer ein imaginatives Körperbild generiert, das in seiner Aufrufung als das Andere mit dem eigenen verschränkt ist.[iv] Als fiktiver, vorgestellter räumlicher Entwurf, kommt der in der Leerstelle imaginierte Körper daher als Fremder und zugleich Ähnlicher, auf das Subjekt zurück. Er trifft und verfehlt es jedoch zugleich; denn als imaginärer Körper steht er immer in Differenz zum Realen.[v] In der Leerstelle wird das fiktive Körperbild zum Ort, auf den hin der Betrachter sich projiziert. Er begegnet sich so im imaginierten Körperbild der Leerstelle als Anderer.
    Dieses tensionale Verhältnis von Nähe und Distanz zugleich, schafft nun einen Bezugsraum, ähnlich einer theatralen Situation: Im Zuschauen seiner selbst als dem Anderen wird die Leerstelle zum bühnenartigen Möglichkeitsraum, der als Raum der Potentialität – zwischen Wunsch und Erfüllung – stets in der Schwebe bleibt.
    Gleich der Geste, in der nach Giorgio Agamben Potenz und Akt, Kontingenz und Notwendigkeit ununterscheidbar werden, wird durch die Leerstelle nichts zur Ausführung gebracht, sondern deren Möglichkeit lediglich angedeutet. Dies vollzieht sich in einer Weise, dass jenes Hervorgebrachte im Moment seiner Setzung zugleich wieder ausgelöscht wird. Was sich ereignet, ist das Dazwischen, ist die Mitteilung einer Mittelbarkeit, ist die Potenz in einem Mittel, die es in seinem eigenen Mittel-Sein unterbricht.[vi]


(Wien, 2009)


[i] Derrida, Jaques: Chôra. – Wien: Passagen Verlag, 1990; Buchrücken
[ii] Vgl. a.a.O.; S. 67f.
[iii] Vgl. Rebentisch, Juliane: Die Ästhetik der Installation. – Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2003;.; S. 259-263
[iv] Vgl. Lacan, Jaques: Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion. In: Wood, Harrison (Hg.): Kunst / Theorie im 20. Jahrhundert. - Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz, 2003
[v] Vgl. a.a.O.
[vi] Vgl. Agamben, Giorgio: Mittel ohne Zweck. – Freiburg: Diaphanes, 2001; S. 56-61